Was Advent ist …

„Advent ist einmal eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst. Die Voraussetzung des erfüllten Advent ist der Verzicht auf die anmaßenden Gebärden und verführerischen Träume, mit denen und in denen sich der Mensch immer wieder etwas vormacht. Er zwingt so die Wirklichkeit, ihn mit Gewalt zu sich zu bringen, mit Gewalt und viel Not und Leid.

Das erschütterte Erwachen gehört durchaus in den Gedanken und das Erlebnis des Advents. Aber zugleich gehört viel mehr dazu. Das erst macht ja die heimliche Seligkeit dieser Zeit aus und zündet das innere Licht in den Herzen an, dass der Advent gesegnet ist mit den Verheißungen des Herrn. Die Erschütterung, das Aufwachen: damit fängt das Leben ja erst an, des Advents fähig zu werden. Gerade in der Herbheit des Aufwachens, in der Hilflosigkeit des Zusichselbstkommens, in der Erbärmlichkeit des Grenzerlebnisses erreichen den Menschen die goldenen Fäden, die in diesen Zeiten zwischen Himmel und Erde gehen und der Welt eine Ahnung von der Fülle geben, zu der sie gerufen und fähig ist.

Der Mensch soll immer wieder einmal das innere Auge schauen und das Herz schweifen lassen. Er wird dem adventlichen Ernst und dem adventlichen Segen dann auch noch anders begegnen. Er wird Gestalten sehen, gelungene und gekonnte Menschen dieser Tage und aller Tage, in denen die Adventsbotschaft und der Adventssegen einfach da sind und leben und beglückend oder erschütternd, tröstend und erhebend den Menschen anrufen und anrühren.

Menschen dieser Tage und aller Tage, habe ich gesagt. Drei Typen meine ich vorab: den Rufenden in der Wüste, den kündenden Engel, die gesegnete Frau.“

aus: Alfred Delp SJ, Im Angesicht des Todes (Ignatianische Impulse 21)

Wüste erleben

Wer die Startseite des Blogs aufruft, sieht in kurzen Statements das, was für mich persönlich Wüste bedeutet. Sowohl jene tatsächlichen Wüsten als auch jene in der alltäglichen Welt als auch jene in Kirche und Kloster. Alle sind geprägt von krassen Gegensätzen, Schönes und Schweres gehört untrennbar zusammen – und gerade diese Dualität macht den Reiz und die Lebendigkeit aus.

Jindalee Breakaway

nature’s desert – awesome beauty & humbling vastness
Die Wüste der Natur – berauschende Schönheit und demütig machende Weite.

So erlebte ich die landschaftlichen Wüsten. Jene arabischen und im Nahen Osten, die ich aus dem Flugzeug bewundern durfte. Jene australischen, die ich ganz erdhaft er-fahren habe. Was für eine atemberaubende Schönheit! Berge, Hügel, Täler und Ebenen in einer wunderbaren Anordnung geschaffen. Mit Farben, die sich kein Mensch ausdenken könnte. In Formen, die die Phantasie beflügeln, von Wasser und Wind in Jahrmillionen gestaltet. Dort stehen, als Mensch, als kleines Wesen, völlig unscheinbar inmitten der Weite und Schönheit. Schweigen. Staunen. Dem Wind lauschen. Staub aus den Augen wischen. Die Weite schnuppern. Felsbrocken unter den Sohlen fühlen. Die Ewigkeit ahnen. Und wissen: ich bin Teil dieser wunderbaren Schöpfung. Winzig klein, kaum auszumachen im großen Ganzen. Und gehöre trotzdem dazu.

An der Brisbane Cathedralpeople’s desert – dreary stones & gracious encounters

Die Wüste der Menschen – öde Steine und gnadenvolle Begegnungen.

Menschengemachte Wüsten aus Beton. Dem Leben dienlich und feindlich zugleich. Grünes in Reih und Glied, eingesperrt in Kästen und abgezirkelte Randsteine. Aufgeheizte, eisige Steine. Glas. Stahl. Abfall auf dem Gehsteig. Lärm. Abgas. Alles in hektischem Takt, Ampeln, Autos, Fußgänger. Doch auch: Oasen. Ein Grashalm durchbricht den Asphalt. Die Eile hält inne. Kinderlachen. Menschen begegnen sich. Hören sich selbst, den anderen. Schenken einander die Gnade des Augenblicks, Ansehen, ein Wort, Zeit, Hoffnung, Ruhe. Tote Steine werden lebendig. Ein Zuhause.

Katholische Kirche Leonora

faith’s desert – brimming wellspring & droughty quest

Die Wüste des Glaubens – übersprudelnde Quelle und dürre Suche.

Eine Quelle des Lebens, die meinen Händen entgleitet, will ich sie festhalten. Gott glauben ist erfrischend, stärkend, ja, beflügelnd. Zuweilen scheint Er überall und in allem und allen aufzuleuchten. Unheimlich und unheimlich schön! Doch genauso ist die Suche nach Ihm ein mühsames Unterfangen. Harte Arbeit, die Ausdauer und Geduld braucht. Und die Absicht, mich nicht nur auf mein augenscheinliches Urteil zu verlassen, sondern anzunehmen, dass es da noch etwas und jemanden jenseits dessen gibt, was ich wahrnehme. Manchmal gefällt es Ihm nämlich, einfach nur zu schweigen. Zu warten. Worauf auch immer. Ich mag das gar nicht, wenn ich nichts tun kann, etwas aushalten muss, nichts verstehe. Und merke hinterher oft: es hatte einen Sinn. Seinen. Für mich.

Weite vor Jervois Station

touched by God – bound for heaven

Von Gott berührt – dem Himmel entgegen. 

Wüste(n) erleben heißt für mich: mich selbst erleben, in meinem ganzen Dasein, mit meinen Grenzen. Die Wüsten in meinem Leben sind der Landeplatz für Gott, der Ort, wo Er mich anrührt. Er braucht sie, um mir zu zeigen: alles, was jetzt ist, ob schön, ob rauh, ob weit, ob unbarmherzig, ist von Seiner Gegenwart durchwebt – schon jetzt. Das Jetzt ist mein Ziel für heute. Doch mein eigentliches Ziel liegt woanders. Mein Leben geht, ob ich es sehe und glaube oder auch nicht, dem Himmel entgegen. Dem Ort, wo sich all die krassen Gegensätze begegnen, wieder zur Einheit werden. In Ihm. Und manchmal lässt Er mich das schon jetzt erfahren, in meiner klösterlichen Wüste. Zur Sicherheit oder zur Ermutigung, damit ich dranbleibe und nicht davonlaufe.

O komm, Immanuel

Advent. Wartezeit. Und ich warte noch immer. Auf Gewissheit gegen Zweifel. Auf „den großen Wurf“ mit Gott. Stattdessen: weiterhin das, was der Titel dieses Blogs sagt – trockene Wüstenzeit. Streckenweise sehr schön, keine Frage. Aber mühsam. Manchmal hab ich’s satt. Rasch schleichen sich dann Gedanken ein wie „Ich könnte doch auch so einfach leben, draußen irgendwo …“ Hm, könnte ich das? Klar könnte ich, auch gut. Doch ganz sicher nicht einfacher. Meine Fragen würde ich mitnehmen. Und hätte in einem weltlich-„normalen“ Leben viel weniger Zeit und Raum für sie als hier.

Ein lieber Weggefährte schrieb mir vor zwei Wochen: „Danken Sie Gott, dass Sie ein ‚richtiges‘ Noviziat durchleben und durchleiden. Diese Zeit ist nicht nur eine Zeit der Fragen, sondern vielmehr der Infragestellungen – der Infragestellungen Gottes, aber auch und gerade der Infragestellung durch Gott. ‚Wahrhafte Gottsuche‘ kann nicht anders sein als anstrengend, schmerzlich, läuternd – eben existentiell fordernd und fördernd!“

Tja, er hat wohl recht, dieser weise Mensch. Gott gibt es nicht im Sonderangebot, zum Dumpingpreis. Darum ist es gut, hier zu sein. Und zu bleiben. Mit allen Zweifeln. Allem Suchen. Allen Versuchungen. Noviziat – ich würde es inzwischen als dauernde Adventszeit bezeichnen. Warten. Auf Ihn. O komm, o komm, Immanuel … (und du kennst meine mangelnde Geduld … vielleicht magst du dich etwas beeilen? 😉 )

https://de.wikipedia.org/wiki/Veni,_veni,_Emmanuel

Ein Jahr Suchen

Mein Eintritt ins Kloster jährt sich heute bzw. morgen. Einmal habe ich nun „alles durch“. Den Alltag im Jahreslauf. Die großen Feiern und die vielen kleinen. Die Hochfeste. Und die Tiefpunkte.

Ein Jahr, das ist nicht viel Zeit. Es verging rasend schnell, und doch scheint das Leben vorher schon viel länger zurückzuliegen. Das heißt: die „Schnittstelle“ Australien ist mir nach wie vor sehr nah, vor allem wegen jener inneren Wege, von denen ich hier im Blog kaum schrieb. Doch alles davor … ja klar, das ist zeitlich nah, und doch so fern. Zuviel hat sich verändert. Fast alles. Und ich mich auch.

Ein Jahr. Aus der Sucherin wurde eine Schwester. Äußerlich. Bin ich eine? Ich habe keine Ahnung. Doch die Sucherin, die bin ich weiterhin. Es hört nicht auf. Nie. Manches, sehr viel sogar, durfte ich finden in diesem Jahr. Nicht alles davon habe ich gesucht, manches fand mich einfach – viele Kostbarkeiten sind dabei. Anderes suchte ich und fand es nicht. Vielleicht noch nicht. Oder vielleicht gibt es manches, was ich suche, auch so einfach nicht.

Ein Jahr. Intensiver als die meisten Phasen in meinem Leben. Ins Kloster gehen, weil man sich sicher ist über Gott und das Leben? Was für eine Illusion … Es war mir vorher klar, dass vieles sich neu sortieren würde, dass es nicht einfach wird. Doch wie grundlegend und tiefgreifend alles hinterfragt wird (nicht so sehr von anderen, als vielmehr von mir und Gott), darauf war ich nicht vorbereitet, konnte ich mich wohl auch nicht vorbereiten. Kloster ist keine heile Welt, keine Versammlung von Heiligen, kein Ruheplatz, um den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Es ist nicht der Himmel, sondern harte Erde, manchmal steinhart und trocken. Und anstrengend. Bringt einen an die Grenzen von Kraft und Glauben. Wenigstens hat es mich schon so einige Male dahin gebracht. Doch es ist auch wunderschön. Aufmerksamkeit für das, was zwischen den Zeilen des Lebens steht. Hinausblicken über den eigenen Tellerrand. Barmherzigkeit. Rechnen damit, dass ein anderer der ist, der Bleibendes schafft und der Bleibende ist.

Ein Jahr. Zum ausgelassenen Feiern ist mir nicht zumute. Eher zum dankbaren Zurückschauen und zum hoffnungsvollen Vorauswünschen. Leicht waren ja insbesondere die letzten beiden Monate nicht (ziemlich normal im Noviziat). Ich weiß, dass ich nichts weiß. Diese „bahnbrechende“ Erkenntnis steht für diese Zeit. Naja, doch eines weiß oder wenigstens hoffe ich: dass ich, egal, was ist, bei Gott höchstes Ansehen habe, so wie der Christus am Kreuz auf der berühmten kleinen Zeichnung von Johannes vom Kreuz. Kein schönes Bild, aber mir bedeutet es viel. Es steht für meine Fragen, meine Ratlosigkeit, mein Suchen. Und ein anderes Bild bedeutet mir viel: die Maria Knotenlöserin in Augsburg. Nicht der Maria wegen … sondern weil ich glaube, dass sie dort ein Abbild von Gottes Engelsgeduld ist, mit der er einen Knoten nach dem anderen in unserem Leben aufdröselt … mit uns zusammen, auch jene, die wir selbst noch besonders fest vertüddelt haben. Ein sehr lieber Weggefährte schenkte mir, weil mir dieses Bild so wertvoll ist, eine moderne Ikone des Christus Knotenlösers. Die hängt an der Wand am Fußende meines Bettes – ein hoffnungsvoller Ausblick jeden Morgen!

This I believe? Zweifel.

Manchmal bahnen sie sich langsam an. Manchmal kommen sie von einem Moment auf den anderen. Zweifel im Glauben. Nicht beten können. Leere. Nicht mehr glauben können. Gottesferne. Darüber wird meistens nicht gesprochen, öffentlich, im Gottesdienst womöglich, schon gar nicht. Allenfalls noch im geschützten Raum der Seelsorge oder unter guten Freunden, doch wie oft bleibt auch dort der Zweifel, das Hin- und Hergerissensein zwischen Glauben und Nichtglauben ausgespart … Entweder finden sich gar keine Worte für die eigenen Zweifel (und wie schwer ist es, etwas nicht mehr Vorhandenes in Sprache zu kleiden), oder es herrscht die Sorge um den Glauben der anderen, der nicht erschüttert werden soll. Und womöglich herrscht in manchen Gruppen gar die Angst, dann eines schwachen Glaubens bezichtigt zu werden.

Ich will trotz allem wagen, von den Zweifeln sprechen.

Ich weiß nicht mehr, wer er ist, dieser Gott. Stimmt, man könnte vermuten, ausgerechnet ich sollte irgendwie Ahnung davon haben. Dachte auch, ich hätte eine. Und merke nun: ich weiß nichts, gar nichts. Theologie? Hilft hier herzlich wenig. Andere Menschen? Sicher, doch mit wem darüber sprechen? Nicht ohne Grund schreibt schon der Mystiker Johannes vom Kreuz im 16. Jh. in seinen Abhandlungen über die „dunkle Nacht der Seele“ davon, dass selbst viele „professionelle“ Seelsorger nicht so genau wissen, wie sie mit der Gottesferne umgehen sollen:

… und da kommt ein geistlicher Führer, der wie ein Grobschmied mit den Seelenkräften nur zu hämmern und zu schlagen weiß, und weil er sonst nichts gelernt und nur vom Betrachten Kenntnis hat, der Seele allsogleich befiehlt: Fort, lass all diese Dinge, sie sind nur Müßiggang und Zeitverlust, nimm etwas zur Hand, betrachte und erwecke innere Akte; du musst selbsttätig sein, alles andere sind nur Träumereien und Torheiten.

Ja, es fällt vielen schwer, die Zweifel eines anderen auszuhalten. „Man muss doch irgendwas tun können“. Ratschläge sind rasch bei der Hand, v.a. solche nach Ablenkung, dem Versuch tätiger Selbsterrettung etc. Doch ich behaupte: nein, man kann nichts tun. Aus meiner sehr aktuellen Erfahrung ist der Anfang, überhaupt erst einmal dahin zu kommen zu sagen: ich zweifle, ich kann (dies / jenes / alles / …) nicht mehr glauben. Das Lassen, das Zulassen, ja auch das Loslassen meiner letzten Glaubensbröckchen ist viel nötiger. Vielleicht so, wie es Huub Oosterhuis in seinem wunderbaren, doch so schwermütigen Lied ins Wort bringt:

Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr;
fremd wie dein Name sind mir deine Wege.
Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott;
mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen?
Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt?
Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.

Von Zweifeln ist mein Leben übermannt,
mein Unvermögen hält mich ganz gefangen.
Hast du mit Namen mich in deine Hand,
in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben?
Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land?
Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen?

Es kostet (gerade als „Berufschrist“) große Überwindung, wirklich zu sagen „meine Hände sind leer, dein Name, deine Wege, du bist mir fremd, Gott“. Es hat etwas von Kapitulation, rien ne va plus. Ich las einmal irgendwo, dass jemand diese Leere als den ehrlichsten Ort der Gotteserfahrung bezeichnete. Das ist wohl die größte Hoffnung, die auch noch in dieser Tiefe liegt – dass sie Gott selbst nicht fremd ist, dass Er mit mir in sie hineinfällt.

Und dann wird es doch wichtig, Verbündete zu haben, wenigstens einen oder zwei Menschen, bei denen es möglich ist, genau diese Kapitulationserklärung auszusprechen. Menschen, die bereit sind, die Tiefe der Gottesferne mit auszuhalten. Die Fragen, ohne jedes Tabu, ohne Entsetzen, Panik, Überforderung. Allein das befreit etwas. Dass da welche sind, die keine vorschnellen Ratschläge geben. Doch wachen Sinnes Wegweiser und kritische Begleiter bleiben für die nächsten Schritte, auch die Ursachenforschung. Mich im Gebet mittragen, das ich gerade nicht mehr sprechen kann. Und immer wieder sagen: die Beziehung zu Gott scheitert nicht an meinen Zweifeln. Ich bin froh und dankbar, solche Menschen zu haben, zwei an der Zahl, auch wenn drei weitere davon wissen.

Gut, nun mit der Veröffentlichung dieses Beitrags werden eine ganze Reihe mehr Menschen davon wissen. Manche werden vielleicht geschockt sein, weil sie es nicht wussten, nicht ahnten, oder einfach ein anderes Bild von mir hatten. Ok. Für Sorge um mich besteht jedoch kein Grund. Warum ich dies hier schreibe, inmitten meiner Zweifel, die mich schon so manche Nacht um den Schlaf brachten: weil ich in dieser Zeit besonders merke, wie allein man mit solchen Erfahrungen bleibt, ja, selbst inmitten der frommen Gemeinschaft der Christen. Nicht, weil es die anderen nicht verstehen könnten – ich bin sicher, jeder ehrliche Christ kann das. Sondern weil es immer noch ein ziemliches Tabuthema ist, an Gott zu zweifeln. Vielleicht helfen diese Zeilen etwas, doch den Mut zu fassen, mal mit einem vertrauten Menschen über die eigenen Zweifel ins Gespräch zu kommen. Es hilft. Und manchmal ist es jener Wegbegleiter, der das übermittelt, was Oosterhuis in der dritten Strophe seines Liedes so anrührend zusammenfasst:

Sprich du das Wort, das tröstet und befreit
und das mich führt in deinen großen Frieden.
Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt,
und lass mich unter deinen Kindern leben.
Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst.
Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.