Kloster heißt … warten

Heute beim Frühstück wurde mir bewusst, wie viel ich eigentlich am Tag so warte. Wenn man eines im Kloster lernt, so ist es das. Warten. Und zwar nicht, weil hier Veränderungen manchmal länger dauern 😉 An mir selbst merke ich, dass ich daran gewöhnt war, viele Dinge sofort zu bekommen, wenn ich sie will: Flugticket – online gebucht und ausgedruckt; Überweisung – auch nachts um drei; Email – kaum abgesendet, schon da; Servicehotline – rund um die Uhr; scheinbar unlösbare Frage – Tante g***le findet die Lösung; Bücher kaufen – eine Minute später auf dem Ebookreader; neue Katzeneltern gesucht – dank #followerpower auf Twitter nach einer halben Stunde gefunden; wichtiges Weltgeschehen – natürlich sofort im Newsstream des Mobiltelefons. Und so weiter. Warten internationalSicher, manches davon gibt es auch hier … und doch ist im Kloster vielfach Verzögerung angesagt. Es gibt etwas Lustiges zu erzählen? – Ja, aber nicht während Frühstück, Mittagssuppe und Abendessen. Hunger? – Ja, aber das Essen gibt es erst nach Gebet und Lesung von Konstitutionen oder Regel(kommentar). 12 Uhr, Mittagsgebet? – Ja, aber begonnen wird erst nach dem fünfminütigen Angelusläuten. Kohldampf? – Die Suppe wird erst gelöffelt, wenn alle am Tisch den Teller gefüllt haben. Müde? – Ja, aber ins Bett geht’s erst nach dem gemeinsamen Abschluss des Tages. Gesprächswunsch? – Ja, aber erst nach dem Unterricht. Wäschewaschen? – Ja, aber erst muss die Maschine frei sein. Lust auf einen Spaziergang? – Ja, aber erst nach der Gebetszeit. Dreckiges Geschirr abräumen? – Ja, aber erst, nachdem die Schüsseln und Reste abgeräumt wurden. Telefonieren? – Ja, aber irgendwann zwischendurch. Fasten? – Ja, aber erst in der Fastenzeit, vorher wird kräftig gefeiert. Hostie bei der Eucharistie in den Mund stecken? – Ja, aber erst, wenn alle eine bekommen haben. Mit dem Auto wegfahren? – Ja, aber erst nach Prüfung im Konventskalender, falls es ein anderer braucht. Eine größere Reise antreten? – Ja, aber nur nach Verabschiedung und Segen. Und so weiter. Sicherlich würden viele dieses Wartenmüssen als Reglementierung und Einengung empfinden. Manchmal ergeht es mir auch so, ehrlich gesagt. Doch im Großen und Ganzen mag ich das vielfache kleine Warten zwischendurch. Es ist heilsam. Immer wieder ein kurzes Innehalten, ein Schauen, was um mich herum so los ist, bevor ich mit irgendetwas anfange / weitermache / aufhöre. Ich glaube, das häufige kurze Warten ist es, was den eigenartigen klösterlichen Rhythmus so besonders macht, dem Tag trotz allem Trubel doch auch Momente der Ruhe verleiht, und letztlich auf andere Menschen so anziehend wirkt. Denn die meisten Wartemomente gehen mit Schweigen einher, Hören, Schauen. „Schweigen heißt nichts anderes als auf Gottes Wort warten und von Gottes Wort gesegnet herkommen.“ So schrieb Bonhoeffer in seinem Buch Gemeinsames Leben. Darum geht es in den meisten Wartemomenten im Kloster. Und in den anderen? Wenn man z.B. bei Tisch darauf wartet, bis sich jeder etwas genommen hat, so hat das in meinen Augen nichts mit Reglementierung oder Benimmregeln zutun, sondern mit Liebe und Respekt. Nicht umsonst nannte Adolph Freiherr Knigge sein Werk Über den Umgang mit Menschen. Warten wir also aufeinander, oder lassen uns die Ruhe des Frühstücks, ohne gleich mit Neuigkeiten loszusprudeln, so verhalten wir uns untereinander so, wie wir uns auch gegenüber dem verhalten, wegen dem wir alle hier sind. Und der der eigentliche Grund allen (Er)Wartens ist …