"Ich bin im Kloster"

schwester-mit-kindGanz offensichtlich. Doch so manches Mal muss ich es mir selbst klarmachen. Klingt komisch, nicht wahr? Zumal ich ja ständig Gebet, Gottesdienst, Frauen mit Schleier usw. vor Augen habe. Doch das wird ziemlich schnell ziemlich alltäglich, so wie all das andere „typisch Klösterliche“ auch, denn das wahre Abenteuer liegt jenseits aller sichtbaren Aspekte. Ich bin im Kloster. Es gibt Momente, da kann ich es gar nicht fassen. Genau dahin wollte ich ja – und nun bin ich schon so viele Monate hier. Und trotz aller Widrigkeiten so gerne! Was hat mich eigentlich hierher geführt? Diese Frage stelle ich mir derzeit – wo es nun auf das Noviziat (und damit auch auf das äußerliche Schwesterwerden) zugeht, immer öfter. Viele Fäden sind in diesem „Motiv-Gewebe“ enthalten, so unterschiedlich wie das Leben selbst, so bunt, trist, haltbar, hauchfein, glatt, rauh, knotig, schön, unscheinbar, offensichtlich oder verborgen. Ich behaupte nicht, das ganze Gewebe zu kennen – ob es überhaupt jemals möglich und erträglich wäre? Aber eines sehe ich doch, es zieht sich wie ein Kettfaden durch alles andere hindurch. Ahnung, Sehnsucht, ganz handfestes Erleben, so oft: innigste Liebe. Sie macht das Leben lebenswert, über-lebbar, hat mich durch so vieles schon hindurch getragen, erfüllt mich mit Hoffnung und zieht mich immer mehr zu sich. Sie, die menschgewordene Liebe, die so nah ist und doch so unbegreiflich bleibt. Kann ich es besser erklären? Nein, tut mir leid, ich versteh es ja selbst nicht. Darum ist es ok, wenn andere die Köpfe schütteln. Tu ich auch oft. Spätestens, wenn ich mal wieder merke: „Ich bin im Kloster!“ Unglaublich, oder?

Psalmen – konkret verbunden

Psalm 67 klingendDie Psalmen, die Ordensleute, Priester und viele Laien täglich im Stundengebet beten, verbinden. Diese uralten Gebete, die auch heute noch so treu gesprochen oder gesungen werden – ob modern oder gregorianisch oder … – spannen ein dichtes Netz um die Welt, verbinden Menschen unterschiedlichster Kulturen, Konfessionen, ja sogar Religionen, in ihrer Suche und Sehnsucht nach Gott. Als ich noch nicht im Kloster war, fand ich es oft tröstlich zu wissen, dass sich ungefähr zur selben Zeit ganz viele andere Menschen auf gleiche Weise Gott zuwenden. Obwohl ich faktisch allein war, war ich so doch nicht allein. Eine schöne Form des Verbundenseins!

Eine noch viel schönere, ganz konkrete, hat mir die amerikanische Mitschwester verraten, die hier bei uns ihren Auslandseinsatz vor der ewigen Profess verbringt. Sie sitzt neben mir im Chor. Daher sah ich schon die letzten Monate, dass sie jeden Tag mehr als einmal ein kleines Kärtchen aus der Tasche zieht, auf dem Psalm 67 handschriftlich steht, nicht in ihrer Handschrift.

Als wir gestern Nachmittag faul in der Sonne auf dem Bootssteg am See lagen, habe ich mir dann endlich ein Herz gefasst und sie gefragt, warum ihr dieser Psalm so besonders wichtig ist. Daraufhin erzählte sie mir ihre Geschichte: ihre Magistra erzählte ihr im Noviziatsunterricht, dass sie mit ihrer besten Freundin (die zufällig unsere Oberin ist 😉 einen Psalm ausgesucht habe. Sie haben einander schon vor Jahrzehnten versprochen, diesen Psalm füreinander täglich zu beten – bis an ihr Lebensende. Die Mitschwester war von dieser „Psalmen-Partnerschaft“ so berührt, dass sie vor einem Jahr ebenfalls mit einem befreundeten Bruder eine solche begann – eben mit Psalm 67. Sie schrieben dem anderen handschriftlich den Psalm auf und beten seitdem jeden Tag füreinander mit diesen Worten. Ist das nicht wunderbar, einander in dieser besonderen Weise verbunden zu sein, zu bleiben?! Mich hat ihre Erzählung so angerührt, dass ich darüber nun auch nachdenke …

Einen Nebeneffekt hatte das Nachdenken bisher schon: da sie am Donnerstag leider zurückfliegt, habe ich ihr Psalm 67 in freierer Form als Segenslied vertont. Wir haben das heute Abend bei der Abschiedsparty als ganzer Konvent gesungen, und am Mittwochabend bekommt sie es zum Reisesegen noch einmal zugesungen.

Update 14.04.15 – Die amerikanische Mitschwester und ich haben heute Abend beschlossen, miteinander so eine „Psalmen-Partnerschaft“ einzugehen 🙂 What an honour! 

Der kleine Unterschied

Aus Anlass des 70. Todestages von Dietrich Bonhoeffer hat P. Albert von der Abtei Kornelimünster einen spannenden Versuch unternommen, Bonhoeffers berühmtes Gedicht „Wer bin ich“ ganz persönlich zu übersetzen: Dietrich Bonhoeffer, Wer bin ich?

Er sagt selbst, dass seine Übersetzung für manchen Leser sicher schwer zu schlucken ist, desillusionierend sein mag. Ja, die „Gemeinschaft der Heiligen“ im Kloster ist manchmal so, wie er es dort beschreibt. Mangelhaft, unbarmherzig, kleinkariert, müde. Der Liebe und des Geistes Gottes bedürftig wie alle anderen auch. Ein Kloster ist kein Wohnort von Heiligen. Kein kuscheliges Nest, um der bösen Welt da draußen den Rücken zu kehren. Jeder bringt sie mit, die unerlöste Welt, die danach lechzt, dass doch wenigstens einer ihren Durst stillt.

Was macht dann noch den Unterschied? Warum dann im Kloster leben, wenn es doch keinen Deut besser ist als „da draußen“? Eine ganz persönliche Antwort von mir, ohne Anspruch auf allgemeine Gültigkeit: weil hier Menschen leben, die – auch wenn sie immer wieder am Ideal scheitern – sich zumindest ehrlich bemühen, dass ihr Mangel, ihre Unbarmherzigkeit, Kleinkariertheit und Müdigkeit nicht das letzte Wort haben. Ob es klappt? Manchmal. Doch mit der Bereitschaft, immer wieder nach dem zu suchen, was Gott für uns will, erstaunlich oft. Vielleicht ist insofern ein Kloster doch auch ein heiliger Ort. Wenigstens ein bisschen.