This I believe? Zweifel.

Manchmal bahnen sie sich langsam an. Manchmal kommen sie von einem Moment auf den anderen. Zweifel im Glauben. Nicht beten können. Leere. Nicht mehr glauben können. Gottesferne. Darüber wird meistens nicht gesprochen, öffentlich, im Gottesdienst womöglich, schon gar nicht. Allenfalls noch im geschützten Raum der Seelsorge oder unter guten Freunden, doch wie oft bleibt auch dort der Zweifel, das Hin- und Hergerissensein zwischen Glauben und Nichtglauben ausgespart … Entweder finden sich gar keine Worte für die eigenen Zweifel (und wie schwer ist es, etwas nicht mehr Vorhandenes in Sprache zu kleiden), oder es herrscht die Sorge um den Glauben der anderen, der nicht erschüttert werden soll. Und womöglich herrscht in manchen Gruppen gar die Angst, dann eines schwachen Glaubens bezichtigt zu werden.

Ich will trotz allem wagen, von den Zweifeln sprechen.

Ich weiß nicht mehr, wer er ist, dieser Gott. Stimmt, man könnte vermuten, ausgerechnet ich sollte irgendwie Ahnung davon haben. Dachte auch, ich hätte eine. Und merke nun: ich weiß nichts, gar nichts. Theologie? Hilft hier herzlich wenig. Andere Menschen? Sicher, doch mit wem darüber sprechen? Nicht ohne Grund schreibt schon der Mystiker Johannes vom Kreuz im 16. Jh. in seinen Abhandlungen über die „dunkle Nacht der Seele“ davon, dass selbst viele „professionelle“ Seelsorger nicht so genau wissen, wie sie mit der Gottesferne umgehen sollen:

… und da kommt ein geistlicher Führer, der wie ein Grobschmied mit den Seelenkräften nur zu hämmern und zu schlagen weiß, und weil er sonst nichts gelernt und nur vom Betrachten Kenntnis hat, der Seele allsogleich befiehlt: Fort, lass all diese Dinge, sie sind nur Müßiggang und Zeitverlust, nimm etwas zur Hand, betrachte und erwecke innere Akte; du musst selbsttätig sein, alles andere sind nur Träumereien und Torheiten.

Ja, es fällt vielen schwer, die Zweifel eines anderen auszuhalten. „Man muss doch irgendwas tun können“. Ratschläge sind rasch bei der Hand, v.a. solche nach Ablenkung, dem Versuch tätiger Selbsterrettung etc. Doch ich behaupte: nein, man kann nichts tun. Aus meiner sehr aktuellen Erfahrung ist der Anfang, überhaupt erst einmal dahin zu kommen zu sagen: ich zweifle, ich kann (dies / jenes / alles / …) nicht mehr glauben. Das Lassen, das Zulassen, ja auch das Loslassen meiner letzten Glaubensbröckchen ist viel nötiger. Vielleicht so, wie es Huub Oosterhuis in seinem wunderbaren, doch so schwermütigen Lied ins Wort bringt:

Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr;
fremd wie dein Name sind mir deine Wege.
Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott;
mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen?
Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt?
Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.

Von Zweifeln ist mein Leben übermannt,
mein Unvermögen hält mich ganz gefangen.
Hast du mit Namen mich in deine Hand,
in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben?
Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land?
Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen?

Es kostet (gerade als „Berufschrist“) große Überwindung, wirklich zu sagen „meine Hände sind leer, dein Name, deine Wege, du bist mir fremd, Gott“. Es hat etwas von Kapitulation, rien ne va plus. Ich las einmal irgendwo, dass jemand diese Leere als den ehrlichsten Ort der Gotteserfahrung bezeichnete. Das ist wohl die größte Hoffnung, die auch noch in dieser Tiefe liegt – dass sie Gott selbst nicht fremd ist, dass Er mit mir in sie hineinfällt.

Und dann wird es doch wichtig, Verbündete zu haben, wenigstens einen oder zwei Menschen, bei denen es möglich ist, genau diese Kapitulationserklärung auszusprechen. Menschen, die bereit sind, die Tiefe der Gottesferne mit auszuhalten. Die Fragen, ohne jedes Tabu, ohne Entsetzen, Panik, Überforderung. Allein das befreit etwas. Dass da welche sind, die keine vorschnellen Ratschläge geben. Doch wachen Sinnes Wegweiser und kritische Begleiter bleiben für die nächsten Schritte, auch die Ursachenforschung. Mich im Gebet mittragen, das ich gerade nicht mehr sprechen kann. Und immer wieder sagen: die Beziehung zu Gott scheitert nicht an meinen Zweifeln. Ich bin froh und dankbar, solche Menschen zu haben, zwei an der Zahl, auch wenn drei weitere davon wissen.

Gut, nun mit der Veröffentlichung dieses Beitrags werden eine ganze Reihe mehr Menschen davon wissen. Manche werden vielleicht geschockt sein, weil sie es nicht wussten, nicht ahnten, oder einfach ein anderes Bild von mir hatten. Ok. Für Sorge um mich besteht jedoch kein Grund. Warum ich dies hier schreibe, inmitten meiner Zweifel, die mich schon so manche Nacht um den Schlaf brachten: weil ich in dieser Zeit besonders merke, wie allein man mit solchen Erfahrungen bleibt, ja, selbst inmitten der frommen Gemeinschaft der Christen. Nicht, weil es die anderen nicht verstehen könnten – ich bin sicher, jeder ehrliche Christ kann das. Sondern weil es immer noch ein ziemliches Tabuthema ist, an Gott zu zweifeln. Vielleicht helfen diese Zeilen etwas, doch den Mut zu fassen, mal mit einem vertrauten Menschen über die eigenen Zweifel ins Gespräch zu kommen. Es hilft. Und manchmal ist es jener Wegbegleiter, der das übermittelt, was Oosterhuis in der dritten Strophe seines Liedes so anrührend zusammenfasst:

Sprich du das Wort, das tröstet und befreit
und das mich führt in deinen großen Frieden.
Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt,
und lass mich unter deinen Kindern leben.
Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst.
Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.

Hl. Ignatius von Antiochia – vom wahrhaftigen Christ-Sein

Heute begehen wir den Gedenktag des Hl. Ignatius von Antiochien. Er lebte Anfang des 2.Jh. und war einer der ganz frühen Märtyrer der Kirche und einer der ersten Bischöfe der Stadt Antiochia in Syrien (heute Türkei). Zeitgenossen beschreiben Ignatius als einen brennenden Prediger – nicht ohne Grund das Feuer lat. ignis im Namen. Er liebte Jesus Christus glühend, hatte nur den Wunsch, Ihm nahe zu sein. Darum sehnte er das Sterben um seines Glaubens willen regelrecht dabei. Die Gefahr bestand; wer sich damals öffentlich als Christ bekannte und den Kaiserkult verweigerte, galt als Staatsfeind. Und als man Ignatius dann wegen seines Glaubens gefangen nahm und nach Rom zur Hinrichtung brachte, flehte er die dortigen Christen per Brief an, sein Martyrium auf gar keinen Fall zu verhindern. Er sah sich selbst als Weizenkorn Gottes, konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als durch den Tod hindurch zu Christus zu gehen, im Leiden eins mit Ihm zu werden, in die Einheit Gottes hineinzusterben. So wurde Ignatius im Zirkus von Rom den Löwen zum Fraß vorgeworfen.

Das mag heute schwer nachzuvollziehen sein. Ignatius ging es in alledem nur um eines: das Stichwort ist Wahrhaftigkeit. Wahrhaftig, wirklich Christ sein. Auf dem Weg zu seiner Hinrichtung schrieb er einigen Gemeinden Briefe. An die Gemeinde in Magnesia, eine Stadt in der heutigen Westtürkei, schrieb er u.a.:

„So ziemt es sich also, nicht bloß Christ zu heißen, sondern auch zu sein“ (IgnMg 4).
Es gehört sich, nicht nur Christ zu heißen, sondern auch zu sein.

Und eine längere Version des Briefes ergänzt: „Denn es ist nicht das So-genannt-Werden, sondern das Wirklich-so-Sein, das einen Menschen zum Gesegneten macht.“

Nicht So-genannt-Werden, sondern Wirklich-so-Sein. Wie das Weizenkorn im Evangelium: es kann nicht nur so tun, als würde es sterben, nicht nur so genannt werden. Es muss wirklich so sein, ein sterbendes Korn. Sich ganz hergeben. Sich in die Erde fallen lassen, damit neue Saat aus ihm hervorgehen kann. Oder zermahlen werden fürs Brot. Schicht um Schicht muss absterben, Hülle um Hülle muss weichen, bis auf geheimnisvolle Weise aus dem Keim Neues wird.

Zurück zu Ignatius: nicht nur Christ genannt werden, sondern wirklich sein. Leidenschaftlich warnt er deshalb die Gemeinde in Magnesia, bloß „nicht in die Angelhaken leeren Glaubens“ (IgnMg 11) zu geraten. Glauben ist nicht das Glauben an leere Hüllen, sondern an den Keim, an Gott selbst.

Wir haben uns in den letzten Monaten sehr viel mit Gottesbildern beschäftigt, welches Bild wir uns von Gott machen. An wen glauben wir eigentlich? Immer wieder ging es mir dabei so, dass ich bei mir auf solche Hüllen stieß, schöne, fromme, blumige Beschreibungen für Gott. Und doch waren es nur Hüllen, Worte eben, vielleicht Ahnung, doch in sich leer, nicht Gott selbst, nicht Sein Keim, Sein Leben. Da sind bei uns allen so manche „Hüllen“ gefallen. Und ich persönlich stehe derzeit ziemlich ratlos vor dem, was jetzt übrig ist, was vielleicht der Keim ist (?), was sich so gar nicht greifen oder beschreiben lässt – wer ist denn dieser Gott nun eigentlich? Ich gestehe: ich habe keine Ahnung.

Trotzdem glaube ich, dass daraus auf geheimnisvolle Weise Neues werden kann. Dieses Den-alten-Vorstellungen-und-Bildern-Sterben, was wir erlebt haben und Sie / Ihr alle ganz gewiss auch schon in Eurem Leben, das würde für Ignatius von Antiochien wohl zum Wirklich-so-Sein des Christen dazugehören, zum wahrhaftigen Christ-Sein. Sich nicht nur Christ nennen lassen, sondern bereit sein, alles herzugeben. Auch die ganz privaten (Glaubens)Hüllen mit Christus sterben lassen. Wer das zulässt, der stirbt in Christus hinein, lebt in Ihn hinein.

Der Dienst des Lektors

Was ist ein Lektor*? Ein Laie, der einen eigenständigen liturgischen Dienst versieht – das Vortragen der für den Tag vorgesehenen Schriftlesungen im Gottesdienst. Je nach örtlicher Praxis kann das Vortragen der Fürbitten dazugehören, ggf. auch der Antwortpsalm.

Aus aktuellem Anlass möchte ich meine Gedanken dazu einmal niederschreiben.

Immer wieder stelle ich fest, dass sich viele Lektoren nicht bewusst zu sein scheinen, was ihr Dienst ist. Nämlich Vortragen, was ein anderer schrieb. Die Realität sieht leider so aus, dass viele die ihnen gegebenen Texte vortragen, als seien sie ihre eigenen … besonders sichtbar wird dies am so weit verbreiteten in-die-Gemeinde-schauen während (!) der Schriftlesung. Begründet wird diese Unsitte damit, dass man ja die Gemeinde ansprechen wolle, dass die Gottesdienstbesucher sich mitgenommen fühlen sollen usw.

Was ein Unsinn! Einmal abgesehen von der Tatsache, dass es die Lesequalität negativ beeinflusst, ständig den Kopf bzw. den Blick zu heben und zu senken, sprich: die Augen vom Text wegzunehmen, gibt es doch einen liturgischen Rahmen für die Lesungen, der genau die Funktion des die-Gemeinde-Mitnehmens erfüllt – und wo natürlich auch der Blick des Lektors in die Gemeinde gerichtet ist! Da heißt es

  • zur Einleitung „Lesung aus [dem Buch des … / dem Brief des … an die … / o.ä.]“
  • und nach Beendigung der Lesung „Wort des lebendigen Gottes“ – worauf die Gemeinde antwortet „Dank sei Gott“

In diesen Rahmen ist die eigentliche Lesung eingebettet. Hier trägt der Lektor vor, was ein anderer schrieb. Die dieser Tatsache einzig angemessene Haltung ist die, vorzulesen, sprich: die Augen in dem Text zu halten, den zu lesen ich beauftragt bin. Die körperliche Konzentration dient der inhaltlichen, und drückt vor allem aus, dass ich dem Text nur, so gut es eben geht, meine Stimme leihe. Mehr als das ist nicht Aufgabe des Lektors – doch es ist eine sehr große Aufgabe! Auch deshalb, weil der Text aufscheinen soll, nicht die Person des Lektors, denn um den geht es überhaupt nicht. Er dient dem Text und der Gemeinde, nicht mehr, nicht weniger.

Dass sich der Lektor dieser Tatsache bewusst ist und seine Aufgabe insofern in aller (verzeiht mir dieses altmodische Wort) Demut versieht, ist insbesondere dann wichtig, wenn es sich um harsche Texte handelt wie z.B. Gerichtsreden o.ä. Die Bibel ist ja nicht immer zimperlich in ihrer Sprache. Nichts wird dann schräger, als wenn der Lektor bei Worten wir „Ihr Schlangenbrut“ in die Gemeinde schaut 😉

Vielerorts wird eigentlich auf die Ausbildung von Lektoren Wert gelegt. Es gibt Schulungen, Weiterbildungen etc. Liegt es an den Referenten? Gibt es keine vertiefende Einführung in Sinn und Zweck des Dienstes eines Lektors? Gehört das notwendige „liturgische Feingefühl“ nicht zum Lehrplan? Ich weiß es wirklich nicht.

Bevor mich nun jemand des Lektoren-Bashings verdächtigt: es gibt zum Glück auch eine ganze Reihe Lektoren, die sehr wohl verstanden haben, worum es in ihrem Dienst geht!

 

[*weibliche Ausführende sind darin natürlich eingeschlossen; ich lehne jedoch die Schrägstrich-, alles-doppelt-männlich-und-weiblich-benennende oder gar phantasievoll-mit-Unterstrichen-Sternchen-x-usw-gendernde Sprache ab und bleibe deshalb bei dem, was die deutsche Sprache einfach von sich aus vorgibt]

Von der Sehnsucht nach dem Verstandenwerden

Queen's Park, Toowoomba, QLDHeute nur ein paar sehr bruchstückhafte Gedanken … ich bitte um Nachsicht, falls sie unverständlich sind …

Es gibt bei jedem Menschen Dinge und Themen, mit denen bleibt er unverstanden, ja, letztlich: allein. Für mich persönlich gehören u.a. die Themen aus dem großen Feld der Konversion bzw. deren „Nachwehen“ dazu, die den meisten anderen Menschen kaum begreiflich zu machen sind. Ausgenommen den wenigen Exoten, die auch mal ev. Pfarrer waren und dann katholisch wurden.

Diese immer neue Erfahrung von letzter Einsamkeit (auch gegenüber Freunden, Wegbegleitern, Verwandten) kann sehr frustrierend sein. Sie lässt sich nur aushalten. Ein Gesprächspartner, mit dem ich mich darüber schriftlich austauschte, meinte dazu: „Es läuft auf die Einsamkeit hinaus – und die ist Ausdruck unserer Unverwechselbarkeit und Identität. Eigentlich ein Ort, an dem wir unsere Würde empfangen, Person und Geschöpf zu sein. Ein harter Ort, an dem sich Konturen zeigen. Und das schmerzt. […] Ein Heilmittel weiß ich auch nicht dagegen – ich habe mich aufs Aushalten vertagt.“

Ob es wirklich kein Heilmittel gibt? Vielleicht bin ich da zu naiv, ich ersehne mir oft im Stillen etwas sehr Inniges: von Gott in die Arme geschlossen zu werden. Das scheint mir das einzig mögliche Heilmittel zu sein. So richtig erlebt habe ich es nur selten, aber es hat in mir eine so schmerzliche Sehnsucht geweckt, die durch nichts anderes zu stillen ist. Alles andere als das scheinen „nur“ Trostpflaster zu sein – und dennoch sehne ich mich nach menschlichem Verstandenwerden, „Trostpflastern“ für die Zeit auf Erden.

Wieso ist es ein Ideal, verstanden zu werden? Ich denke, die dahinter stehende Sehnsucht ist die nach Intimität, danach, im letzten und tiefsten als Person und Geschöpf erkannt und geliebt zu werden, nicht allein zu sein, sicher tw. auch körperlich spürbar in einer Geste, die das Verständnis vergegenwärtigt (wie z.B. eine Umarmung), doch vor allem im Herzen. Ja, vielleicht gerade auch mit den Teilen meines Seins, meiner Seele, wo ich mich selbst nicht zu lieben vermag. Dass da einer ist, der um das Gute und Böse weiß, um die Freuden und Wunden, die Schätze, die Fragen, mir vielleicht sogar verstehen hilft, heilsam ist, einer, wo es keine Angst mehr geben muss, auch die Türen zu den innersten Kammern zu öffnen. So in der Art. Eine ziemlich große Sache, in der wir Menschen einander nicht gerecht werden können (und, daran glaube ich fest, dennoch in aller Begrenztheit einen Vorgeschmack auf den Himmel geben könnten). Es ist das Innerste, der Ort von Gut und Böse, von Zweifeln, Wunden und Hoffnungen, wo ich mir am ehesten das Verstandenwerden ersehne. Es will wohl verstanden werden, nicht allein bleiben, was ich selbst doch nicht verstehe, was das Geheimnis meines Lebens ist.

Leidensbilder

Christuskorpus ohne ArmeDerzeit ist in den sozialen Netzwerken eine heftige Diskussion im Gange, ob es angemessen ist, Bilder von auf ihrer Flucht umgekommenen Flüchtlingen im Internet zu posten. Gerade entzündete sich die Debatte konkret am Bild des bei Bodrum an den Strand gespülten Leichnams eines kleinen syrischen Jungen, der von einem sichtlich mitleidenden Polizisten sorgsam geborgen wurde. Die Gegner wenden zu Recht ein, dass die Würde des Menschen auch im Tode gilt. Insofern sei es ethisch nicht vertretbar, die Fotos ihrer Leichen zu zeigen. Dieser Einwand ist wichtig und ich möchte ihn nicht kleinreden. Es ist unverzichtbar, dass die Würde der abgebildeten Menschen, seien sie tot oder lebendig, gewahrt wird. Doch grundsätzlich bin ich der Meinung, es ist bitter nötig, die Bilder der Menschen zu zeigen, die die lebensgefährliche Reise nicht überlebt haben. Ebenso wie Bilder der Menschen, die im Bürgerkrieg verletzt oder getötet werden oder durch die unsägliche Terrorherrschaft des IS.
Warum? Ganz gewiss nicht aus sensationsheischender Neugier! Daran liegt mir nichts. Hier geht es vielmehr um Wahrheit. Es geht darum, vor der Wirklichkeit nicht die Augen zu verschließen. Denn dieser Horror ist bitterste Realität in vielen Teilen der Welt, nicht nur in denen, auf die sich gerade die mediale Aufmerksamkeit richtet. An so vielen Orten werden Menschen ausgebeutet, drangsaliert, gefoltert und getötet, weil ihr Leben in den Augen anderer keinen Wert zu haben scheint. Gerade darum sind Bilder wie die des kleinen, ertrunkenen Jungen wichtig, um zu zeigen: hier geht es um Menschen aus Fleisch und Blut, Menschen mit Namen und Geschichten, die noch ein langes Leben vor sich gehabt hätten, die eine Familie haben, die sie liebt und betrauert, die – in diesem Falle aufgrund der Profitgier skrupelloser Schlepper – sinnlos gestorben sind. Die Bilder geben den Menschen, von denen wir in den Nachrichten oft nur in Form von Zahlen hören, ein sehr konkretes Gesicht. Und das halte ich ebenfalls für unverzichtbar. Freilich: der Anblick ist herzzerreißend, tut unendlich weh, stößt ab, weckt den Wunsch, die Augen nur noch zu schließen, das nicht mehr sehen zu müssen. Anblicke wie diese sind wir im westeuropäischen Raum nicht (mehr) gewöhnt. Sie bringen mich / uns an Grenzen. Umso höher ist das Bedürfnis, die Bilder mit durchaus richtigen und ehrenwerten Argumenten aus dem Blickfeld zu verbannen. Übrigens verbannen auch manche christliche Gruppen Kruzifixe aus ihren Räumen, weil sie meinen, der Anblick eines Gekreuzigten sei zu brutal.
In der Tat, es ist brutal. Das ist die Wirklichkeit. Unsere gegenwärtige ebenso wie die des Gottessohnes, auf dessen Tod und Auferstehung wir all unsere Hoffnung setzen. Ich meine, als Christen haben wir Aufgabe, nicht wegzusehen, sondern vielmehr hinzuschauen und aus dem, was wir sehen, Konsequenzen zu ziehen (und ein aufrichtiges Gebet ist ebenso wertvoll wie praktische Hilfe, Spenden oder ein kritisches Hinterfragen des eigenen Lebensstils). Christus hat nicht weggeschaut, Er hat hingesehen und mitgelitten, ist tätig geworden. Er hat sogar Petrus, der der Meinung war, das Leid der Kreuzigung dürfe nicht sein, wütend als „Satan“ angeschrien – denn das Leid ist unausweichlich. Es ist da, real, greifbar. Und Fotos der Leidenden und Toten führen uns das unmissverständlich vor Augen. So wie jedes Kruzifix. Stellen wir uns der Wirklichkeit, mit all ihrer Schönheit, Brutalität und Grausamkeit?! Ich für meinen Teil werde umso genauer hinschauen und Gott bitten, dass Er mir die Kraft dazu gibt. Und ich hoffe sehr, dass noch mehr Bilder dieser Art gezeigt werden. Weil ich immer noch die Hoffnung habe, dass die Herzen der Hartherzigen, der Nazis und anderer Hetzer, die meinen, die Flüchtlinge seien zu Unrecht unterwegs, noch irgendwo einen Zugangspunkt haben für das Mitgefühl und Mitleiden. Und weil ich davon überzeugt bin, dass nur die Wahrheit zu einem Umdenken führen kann. Der Mensch braucht zum Begreifen nicht nur trockene Zahlen und Symbolbilder, sondern einen Einblick in die Wirklichkeit, wie sie ist. Auch wenn diese so schmerzlich und im letzten unaushaltbar ist. Gerade dann.

Nachdenklich = bedenklich?

In den letzten Wochen habe ich auch einige nachdenkliche Beiträge eingestellt. Daraufhin haben sich einige liebe Menschen Sorgen um mich gemacht und dachten, es ginge mir nicht gut. Eure Sorge freut mich sehr, vielen Dank! – doch besteht wirklich kein Grund dazu. Großes Indianerehrenwort! Ich bin gern im Kloster und bereue den Weg hierher nicht. Dass ich nun nachdenklicher bin als sonst (bin ja eh der nachdenkliche Typ von Mensch), noch weniger Briefe schreibe oder maile, ist, so meine ich, sinnvoll und normal, der Situation des Noviziats geschuldet. Denn natürlich stellen sich mir viele Fragen wie „Was / wer hat mich eigentlich hierher geführt?“ „Was ist mir wirklich wichtig?“ u.ä. Fragen, die immer wieder nach Haltepunkten suchen, nach (Selbst)Vergewisserung, ob / dass dies der Weg meiner Berufung ist, nach der Leidenschaft und der Grundlage, auf der ich mich entscheide zu bleiben und anderes zurückzulassen. Natürlich sind diese Fragen nicht leicht. Natürlich ist nicht immer alles eitel Sonnenschein. Natürlich gibt es Themen, die aufgrund meines Weges in besonderer Weise drängen. Und natürlich gehen mir manchmal Mitschwestern, Strukturen oder enges Denken gehörig auf die Nerven. Trotzdem (Ihr wisst ja, ich bin verrückt): es ist gut so, dass ich hier bin, das ist meine tiefste Überzeugung. Also: bitte begleitet mich so aufmerksam weiter, das freut mich wirklich sehr! Dankeschön für alles Mitgehen, Mitnachdenken, Mitringen und vor allem für alles Mittragen im Gebet. Bitte hört nicht auf mit diesem ganz positiven Sorgen! Nur macht Euch im Moment nicht zu viele sorgenvolle Gedanken, ja?Zwinkerndes Smiley Meine Beiträge sind nur kleine Ausschnitte eines größeren Ganzen. Nur bedingt repräsentativ für die Gesamtsituation, nur einzelne Spuren oder Themen, die mich bewegen. Freilich bewegt mich weit mehr als „nur“ das. Nicht alles möchte (bzw. kann) ich an dieser Stelle teilen. Doch wenn ich mir so meine Wochen anschaue, stimmt es sicher, wenn ich als Faustregel sage: für jede nachdenkliche oder melancholische Zeit gibt es auch einen belebenden und beglückenden Ausgleich. Nicht immer sogleich, manches braucht längeren Atem. Doch würde ich sicher nicht sagen, dass ich gern hier bin, wenn unterm Strich ein negatives Vorzeichen stünde.