Der Dienst des Lektors

Was ist ein Lektor*? Ein Laie, der einen eigenständigen liturgischen Dienst versieht – das Vortragen der für den Tag vorgesehenen Schriftlesungen im Gottesdienst. Je nach örtlicher Praxis kann das Vortragen der Fürbitten dazugehören, ggf. auch der Antwortpsalm.

Aus aktuellem Anlass möchte ich meine Gedanken dazu einmal niederschreiben.

Immer wieder stelle ich fest, dass sich viele Lektoren nicht bewusst zu sein scheinen, was ihr Dienst ist. Nämlich Vortragen, was ein anderer schrieb. Die Realität sieht leider so aus, dass viele die ihnen gegebenen Texte vortragen, als seien sie ihre eigenen … besonders sichtbar wird dies am so weit verbreiteten in-die-Gemeinde-schauen während (!) der Schriftlesung. Begründet wird diese Unsitte damit, dass man ja die Gemeinde ansprechen wolle, dass die Gottesdienstbesucher sich mitgenommen fühlen sollen usw.

Was ein Unsinn! Einmal abgesehen von der Tatsache, dass es die Lesequalität negativ beeinflusst, ständig den Kopf bzw. den Blick zu heben und zu senken, sprich: die Augen vom Text wegzunehmen, gibt es doch einen liturgischen Rahmen für die Lesungen, der genau die Funktion des die-Gemeinde-Mitnehmens erfüllt – und wo natürlich auch der Blick des Lektors in die Gemeinde gerichtet ist! Da heißt es

  • zur Einleitung „Lesung aus [dem Buch des … / dem Brief des … an die … / o.ä.]“
  • und nach Beendigung der Lesung „Wort des lebendigen Gottes“ – worauf die Gemeinde antwortet „Dank sei Gott“

In diesen Rahmen ist die eigentliche Lesung eingebettet. Hier trägt der Lektor vor, was ein anderer schrieb. Die dieser Tatsache einzig angemessene Haltung ist die, vorzulesen, sprich: die Augen in dem Text zu halten, den zu lesen ich beauftragt bin. Die körperliche Konzentration dient der inhaltlichen, und drückt vor allem aus, dass ich dem Text nur, so gut es eben geht, meine Stimme leihe. Mehr als das ist nicht Aufgabe des Lektors – doch es ist eine sehr große Aufgabe! Auch deshalb, weil der Text aufscheinen soll, nicht die Person des Lektors, denn um den geht es überhaupt nicht. Er dient dem Text und der Gemeinde, nicht mehr, nicht weniger.

Dass sich der Lektor dieser Tatsache bewusst ist und seine Aufgabe insofern in aller (verzeiht mir dieses altmodische Wort) Demut versieht, ist insbesondere dann wichtig, wenn es sich um harsche Texte handelt wie z.B. Gerichtsreden o.ä. Die Bibel ist ja nicht immer zimperlich in ihrer Sprache. Nichts wird dann schräger, als wenn der Lektor bei Worten wir „Ihr Schlangenbrut“ in die Gemeinde schaut 😉

Vielerorts wird eigentlich auf die Ausbildung von Lektoren Wert gelegt. Es gibt Schulungen, Weiterbildungen etc. Liegt es an den Referenten? Gibt es keine vertiefende Einführung in Sinn und Zweck des Dienstes eines Lektors? Gehört das notwendige „liturgische Feingefühl“ nicht zum Lehrplan? Ich weiß es wirklich nicht.

Bevor mich nun jemand des Lektoren-Bashings verdächtigt: es gibt zum Glück auch eine ganze Reihe Lektoren, die sehr wohl verstanden haben, worum es in ihrem Dienst geht!

 

[*weibliche Ausführende sind darin natürlich eingeschlossen; ich lehne jedoch die Schrägstrich-, alles-doppelt-männlich-und-weiblich-benennende oder gar phantasievoll-mit-Unterstrichen-Sternchen-x-usw-gendernde Sprache ab und bleibe deshalb bei dem, was die deutsche Sprache einfach von sich aus vorgibt]

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