Wüste des weltlichen Kleinklein

Eineinhalb Jahre liegen zwischen dem letzten Blogeintrag und dem heutigen. Viel ist in dieser Zeit passiert. Die Schwester ist wieder in das weltliche Leben zurückgekehrt. Das im letzten Beitrag Angedeutete war dafür nicht der Grund, aber vielleicht ein Baustein im Gesamtmosaik von Beweggründen, das Kloster wieder zu verlassen. Kein leichter Schritt, einen Weg, der mit viel Hoffnung und Freude begonnen hat, wieder zu verlassen. Viel Trauer gab es, von Seiten der Schwestern ebenso wie von mir – doch eine andere Entscheidung hätte ich nicht treffen können. Ich bin dankbar für die Zeit im Kloster, möchte sie absolut nicht missen, dankbar dafür, dass bei Besuchen dort immer noch das Gefühl von Zuhause aufkommt und die Verbundenheit bleibt. Dennoch ist diese Lebensform nicht meine, denke ich. So habe ich diese ge- und verborgene Welt wieder verlassen, bin wieder hinaus gegangen in die „Wüste“ des alltäglichen Kleinklein, in der Gottes Spuren manchmal so schwer auszumachen sind. Ja, mir fehlt viel. Zugleich habe ich nun die mir so wichtige Freiheit wieder, und die „Wüste des weltlichen Alltags“ ist gewissermaßen der Preis, der dafür zu zahlen ist.

Konsequenterweise behält dieses Blog daher seinen Titel, denn für mich ist die Wüste in ihrer Vielgestaltigkeit und ihrem breiten Symbolgehalt ein ganz wichtiges Bild: wie keine andere Landschaftsform beschreibt sie die Facetten menschlichen Lebens und Glaubens am treffendsten. Das meine ich nicht im Sinne von Schwarzmalerei, sondern vor allem ganz positiv im Blick auf die vielen ganz kleinen Schönheiten und auf die beständige Sehnsucht und Suche nach Leben bzw. Lebensquellen. Bei allen Menschen nehme ich davon viel wahr, und bei mir selbst natürlich auch. Sei es privat, sei es beruflich im pastoralen Dienst in der Kirche. „… es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück …“ heißt es im Lied Da wohnt ein Sehnen tief in uns.

Aus diesem Sehnen, Suchen, Dürsten will ich – so, wie es mir gerade kommt – auf dieser Seite weiterschreiben. In der Hoffnung, damit auch an mancher Stelle mit Euch in die Diskussion zu kommen. Schreibt mir Eure Gedanken gerne in die Kommentare, ich freu mich drauf!

De amore

de amore 5Viele Begriffe, deren Zusammenhang sich auf den ersten Blick nur bedingt erschließt. Alle stehen für das, was ich seit ungefähr Mitte November erlebe. Überraschend und ungeplant, zumindest aus menschlicher Sicht. Ein anderer hatte seine Finger im Spiel. Eine wüste Zeit, im wahrsten Sinne des Wortes. Wild. Dürr. Verwirrend. Erleichternd. Durststrecke. Freude. Neues sprosst auf. Altes blieb zurück. Vertrautes wandelt sich. Gott und einem anderen die Seele geöffnet. Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht. Stattdessen: Liebe. Und auch Verliebtsein. Wunderschön. Zugleich merken: es kann so nicht gehen, um unser beider willen. Loslassen tut verdammt weh. Was ist richtig, was falsch, gibt es diese einfachen Kriterien überhaupt? Ich weiß es nicht. Ebenso wenig, ob ich bleiben oder gehen soll. Kann ich ein Leben lang im Kloster ausharren, mit all seinen Grenzen und Regeln? Wieviel Freiheit brauche ich? Und gehört vielleicht die „eigene“ Familie dazu? Was ist mein Weg? Auch das kann ich derzeit nicht beantworten. Auf jeden Fall kann sich auch eine Schwester verlieben und sich ein anderer in sie. Logisch eigentlich … dass es mich treffen würde, damit hätte ich allerdings nicht gerechnet. Was ein Segen, in diesen bewegten Zeiten unter meinen Freunden treue Weggefährt(inn)en zu haben, die – wo nötig – deutlich ihre Meinung kundtun. Dankeschön!

Was Advent ist …

„Advent ist einmal eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst. Die Voraussetzung des erfüllten Advent ist der Verzicht auf die anmaßenden Gebärden und verführerischen Träume, mit denen und in denen sich der Mensch immer wieder etwas vormacht. Er zwingt so die Wirklichkeit, ihn mit Gewalt zu sich zu bringen, mit Gewalt und viel Not und Leid.

Das erschütterte Erwachen gehört durchaus in den Gedanken und das Erlebnis des Advents. Aber zugleich gehört viel mehr dazu. Das erst macht ja die heimliche Seligkeit dieser Zeit aus und zündet das innere Licht in den Herzen an, dass der Advent gesegnet ist mit den Verheißungen des Herrn. Die Erschütterung, das Aufwachen: damit fängt das Leben ja erst an, des Advents fähig zu werden. Gerade in der Herbheit des Aufwachens, in der Hilflosigkeit des Zusichselbstkommens, in der Erbärmlichkeit des Grenzerlebnisses erreichen den Menschen die goldenen Fäden, die in diesen Zeiten zwischen Himmel und Erde gehen und der Welt eine Ahnung von der Fülle geben, zu der sie gerufen und fähig ist.

Der Mensch soll immer wieder einmal das innere Auge schauen und das Herz schweifen lassen. Er wird dem adventlichen Ernst und dem adventlichen Segen dann auch noch anders begegnen. Er wird Gestalten sehen, gelungene und gekonnte Menschen dieser Tage und aller Tage, in denen die Adventsbotschaft und der Adventssegen einfach da sind und leben und beglückend oder erschütternd, tröstend und erhebend den Menschen anrufen und anrühren.

Menschen dieser Tage und aller Tage, habe ich gesagt. Drei Typen meine ich vorab: den Rufenden in der Wüste, den kündenden Engel, die gesegnete Frau.“

aus: Alfred Delp SJ, Im Angesicht des Todes (Ignatianische Impulse 21)

Wüste erleben

Wer die Startseite des Blogs aufruft, sieht in kurzen Statements das, was für mich persönlich Wüste bedeutet. Sowohl jene tatsächlichen Wüsten als auch jene in der alltäglichen Welt als auch jene in Kirche und Kloster. Alle sind geprägt von krassen Gegensätzen, Schönes und Schweres gehört untrennbar zusammen – und gerade diese Dualität macht den Reiz und die Lebendigkeit aus.

Jindalee Breakaway

nature’s desert – awesome beauty & humbling vastness
Die Wüste der Natur – berauschende Schönheit und demütig machende Weite.

So erlebte ich die landschaftlichen Wüsten. Jene arabischen und im Nahen Osten, die ich aus dem Flugzeug bewundern durfte. Jene australischen, die ich ganz erdhaft er-fahren habe. Was für eine atemberaubende Schönheit! Berge, Hügel, Täler und Ebenen in einer wunderbaren Anordnung geschaffen. Mit Farben, die sich kein Mensch ausdenken könnte. In Formen, die die Phantasie beflügeln, von Wasser und Wind in Jahrmillionen gestaltet. Dort stehen, als Mensch, als kleines Wesen, völlig unscheinbar inmitten der Weite und Schönheit. Schweigen. Staunen. Dem Wind lauschen. Staub aus den Augen wischen. Die Weite schnuppern. Felsbrocken unter den Sohlen fühlen. Die Ewigkeit ahnen. Und wissen: ich bin Teil dieser wunderbaren Schöpfung. Winzig klein, kaum auszumachen im großen Ganzen. Und gehöre trotzdem dazu.

An der Brisbane Cathedralpeople’s desert – dreary stones & gracious encounters

Die Wüste der Menschen – öde Steine und gnadenvolle Begegnungen.

Menschengemachte Wüsten aus Beton. Dem Leben dienlich und feindlich zugleich. Grünes in Reih und Glied, eingesperrt in Kästen und abgezirkelte Randsteine. Aufgeheizte, eisige Steine. Glas. Stahl. Abfall auf dem Gehsteig. Lärm. Abgas. Alles in hektischem Takt, Ampeln, Autos, Fußgänger. Doch auch: Oasen. Ein Grashalm durchbricht den Asphalt. Die Eile hält inne. Kinderlachen. Menschen begegnen sich. Hören sich selbst, den anderen. Schenken einander die Gnade des Augenblicks, Ansehen, ein Wort, Zeit, Hoffnung, Ruhe. Tote Steine werden lebendig. Ein Zuhause.

Katholische Kirche Leonora

faith’s desert – brimming wellspring & droughty quest

Die Wüste des Glaubens – übersprudelnde Quelle und dürre Suche.

Eine Quelle des Lebens, die meinen Händen entgleitet, will ich sie festhalten. Gott glauben ist erfrischend, stärkend, ja, beflügelnd. Zuweilen scheint Er überall und in allem und allen aufzuleuchten. Unheimlich und unheimlich schön! Doch genauso ist die Suche nach Ihm ein mühsames Unterfangen. Harte Arbeit, die Ausdauer und Geduld braucht. Und die Absicht, mich nicht nur auf mein augenscheinliches Urteil zu verlassen, sondern anzunehmen, dass es da noch etwas und jemanden jenseits dessen gibt, was ich wahrnehme. Manchmal gefällt es Ihm nämlich, einfach nur zu schweigen. Zu warten. Worauf auch immer. Ich mag das gar nicht, wenn ich nichts tun kann, etwas aushalten muss, nichts verstehe. Und merke hinterher oft: es hatte einen Sinn. Seinen. Für mich.

Weite vor Jervois Station

touched by God – bound for heaven

Von Gott berührt – dem Himmel entgegen. 

Wüste(n) erleben heißt für mich: mich selbst erleben, in meinem ganzen Dasein, mit meinen Grenzen. Die Wüsten in meinem Leben sind der Landeplatz für Gott, der Ort, wo Er mich anrührt. Er braucht sie, um mir zu zeigen: alles, was jetzt ist, ob schön, ob rauh, ob weit, ob unbarmherzig, ist von Seiner Gegenwart durchwebt – schon jetzt. Das Jetzt ist mein Ziel für heute. Doch mein eigentliches Ziel liegt woanders. Mein Leben geht, ob ich es sehe und glaube oder auch nicht, dem Himmel entgegen. Dem Ort, wo sich all die krassen Gegensätze begegnen, wieder zur Einheit werden. In Ihm. Und manchmal lässt Er mich das schon jetzt erfahren, in meiner klösterlichen Wüste. Zur Sicherheit oder zur Ermutigung, damit ich dranbleibe und nicht davonlaufe.

O komm, Immanuel

Advent. Wartezeit. Und ich warte noch immer. Auf Gewissheit gegen Zweifel. Auf „den großen Wurf“ mit Gott. Stattdessen: weiterhin das, was der Titel dieses Blogs sagt – trockene Wüstenzeit. Streckenweise sehr schön, keine Frage. Aber mühsam. Manchmal hab ich’s satt. Rasch schleichen sich dann Gedanken ein wie „Ich könnte doch auch so einfach leben, draußen irgendwo …“ Hm, könnte ich das? Klar könnte ich, auch gut. Doch ganz sicher nicht einfacher. Meine Fragen würde ich mitnehmen. Und hätte in einem weltlich-„normalen“ Leben viel weniger Zeit und Raum für sie als hier.

Ein lieber Weggefährte schrieb mir vor zwei Wochen: „Danken Sie Gott, dass Sie ein ‚richtiges‘ Noviziat durchleben und durchleiden. Diese Zeit ist nicht nur eine Zeit der Fragen, sondern vielmehr der Infragestellungen – der Infragestellungen Gottes, aber auch und gerade der Infragestellung durch Gott. ‚Wahrhafte Gottsuche‘ kann nicht anders sein als anstrengend, schmerzlich, läuternd – eben existentiell fordernd und fördernd!“

Tja, er hat wohl recht, dieser weise Mensch. Gott gibt es nicht im Sonderangebot, zum Dumpingpreis. Darum ist es gut, hier zu sein. Und zu bleiben. Mit allen Zweifeln. Allem Suchen. Allen Versuchungen. Noviziat – ich würde es inzwischen als dauernde Adventszeit bezeichnen. Warten. Auf Ihn. O komm, o komm, Immanuel … (und du kennst meine mangelnde Geduld … vielleicht magst du dich etwas beeilen? 😉 )

https://de.wikipedia.org/wiki/Veni,_veni,_Emmanuel

Ein Jahr Suchen

Mein Eintritt ins Kloster jährt sich heute bzw. morgen. Einmal habe ich nun „alles durch“. Den Alltag im Jahreslauf. Die großen Feiern und die vielen kleinen. Die Hochfeste. Und die Tiefpunkte.

Ein Jahr, das ist nicht viel Zeit. Es verging rasend schnell, und doch scheint das Leben vorher schon viel länger zurückzuliegen. Das heißt: die „Schnittstelle“ Australien ist mir nach wie vor sehr nah, vor allem wegen jener inneren Wege, von denen ich hier im Blog kaum schrieb. Doch alles davor … ja klar, das ist zeitlich nah, und doch so fern. Zuviel hat sich verändert. Fast alles. Und ich mich auch.

Ein Jahr. Aus der Sucherin wurde eine Schwester. Äußerlich. Bin ich eine? Ich habe keine Ahnung. Doch die Sucherin, die bin ich weiterhin. Es hört nicht auf. Nie. Manches, sehr viel sogar, durfte ich finden in diesem Jahr. Nicht alles davon habe ich gesucht, manches fand mich einfach – viele Kostbarkeiten sind dabei. Anderes suchte ich und fand es nicht. Vielleicht noch nicht. Oder vielleicht gibt es manches, was ich suche, auch so einfach nicht.

Ein Jahr. Intensiver als die meisten Phasen in meinem Leben. Ins Kloster gehen, weil man sich sicher ist über Gott und das Leben? Was für eine Illusion … Es war mir vorher klar, dass vieles sich neu sortieren würde, dass es nicht einfach wird. Doch wie grundlegend und tiefgreifend alles hinterfragt wird (nicht so sehr von anderen, als vielmehr von mir und Gott), darauf war ich nicht vorbereitet, konnte ich mich wohl auch nicht vorbereiten. Kloster ist keine heile Welt, keine Versammlung von Heiligen, kein Ruheplatz, um den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Es ist nicht der Himmel, sondern harte Erde, manchmal steinhart und trocken. Und anstrengend. Bringt einen an die Grenzen von Kraft und Glauben. Wenigstens hat es mich schon so einige Male dahin gebracht. Doch es ist auch wunderschön. Aufmerksamkeit für das, was zwischen den Zeilen des Lebens steht. Hinausblicken über den eigenen Tellerrand. Barmherzigkeit. Rechnen damit, dass ein anderer der ist, der Bleibendes schafft und der Bleibende ist.

Ein Jahr. Zum ausgelassenen Feiern ist mir nicht zumute. Eher zum dankbaren Zurückschauen und zum hoffnungsvollen Vorauswünschen. Leicht waren ja insbesondere die letzten beiden Monate nicht (ziemlich normal im Noviziat). Ich weiß, dass ich nichts weiß. Diese „bahnbrechende“ Erkenntnis steht für diese Zeit. Naja, doch eines weiß oder wenigstens hoffe ich: dass ich, egal, was ist, bei Gott höchstes Ansehen habe, so wie der Christus am Kreuz auf der berühmten kleinen Zeichnung von Johannes vom Kreuz. Kein schönes Bild, aber mir bedeutet es viel. Es steht für meine Fragen, meine Ratlosigkeit, mein Suchen. Und ein anderes Bild bedeutet mir viel: die Maria Knotenlöserin in Augsburg. Nicht der Maria wegen … sondern weil ich glaube, dass sie dort ein Abbild von Gottes Engelsgeduld ist, mit der er einen Knoten nach dem anderen in unserem Leben aufdröselt … mit uns zusammen, auch jene, die wir selbst noch besonders fest vertüddelt haben. Ein sehr lieber Weggefährte schenkte mir, weil mir dieses Bild so wertvoll ist, eine moderne Ikone des Christus Knotenlösers. Die hängt an der Wand am Fußende meines Bettes – ein hoffnungsvoller Ausblick jeden Morgen!